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Atomkraft: Was für eine längere Laufzeit nötig wäre

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FDP- wie auch CDU/CSU-Oppositionspolitiker fordern vehement eine Laufzeitverlängerung der drei noch verbliebenen deutschen Kernkraftwerke Isar-2, Neckarwestheim 2 und Emsland. Denn die sollen laut Atomgesetzänderung von 2011 eigentlich am 31.12.2022 vom Netz gehen.

Die Parteien hoffen mit mehr Atomkraft einem drohenden Mangel an Energie im kommenden Winter gegensteuern zu können, der wegen des russischen Krieges gegen die Ukraine droht. Die Furcht, dass Russland den besonders wichtigen Energieträger Gas abstellen könnte, ist groß. Zwar erzeugen die verbliebenen Atommeiler nur noch sechs bis sieben Prozent des deutschen Stroms, doch jedes Megawatt ist in diesen Zeiten wichtig.

Die Bundesministerien für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) sowie für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) hatten bereits im März einen so genannten „Prüfvermerk zur Debatte um die Laufzeiten von Atomkraftwerken“ erstellt und veröffentlicht. Er versucht die Frage zu beantworten, ob sich damit die hohe Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland beenden ließe – und ob längere Laufzeiten Engpässe im kommenden Winter ausgleichen können.

Die Antwort der Ministerien lautet, „dass eine Verlängerung der Laufzeiten nur einen sehr begrenzten Beitrag zur Lösung des Problems leisten könnte, und dies zu sehr hohen wirtschaftlichen Kosten, verfassungsrechtlichen und sicherheitstechnischen Risiken“. Im Ergebnis einer Abwägung von Nutzen und Risiken sei „eine Laufzeitverlängerung der drei noch bestehenden Atomkraftwerke auch angesichts der aktuellen Gaskrise nicht zu empfehlen“.




Diese Empfehlung tritt jetzt eine Kernenergie-Debatte los, die sich eigentlich nach den mit harten Bandagen ausgefochtenen Auseinandersetzungen um das Ende der Atomkraft im Frühjahr 2011 erledigt zu haben schien. Die entscheidenden Hindernisse für längere Kernkraftlaufzeiten benannte der Prüfvermerk. Wie man dessen Argumente auch dreht und wendet: Entscheidend bleibt die Zeit. Ein Atomkraftwerk lässt sich sich eben nicht ein- oder ausschalten wie ein Herd.

Da ist zunächst das Gesetzgebungsverfahren, weil das Atomgesetz wieder geändert werden müsste. Die Abgeordneten wären gezwungen, erneut eine umfassende Risiko- und Güterabwägung zu treffen. Unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges wären dabei auch neue Risiken zu berücksichtigen, die vor elf Jahren nahezu undenkbar waren: So beispielsweise das Risiko eines militärischen Beschusses. Der Angriff auf das ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja am 3. März 2022 durch russische Truppen mag als Warnung dienen. Auch Sabotage oder eine kriegsbedingte Unterbrechung der Stromversorgung, die für die Kühlung der Reaktorkerne unabdingbar ist, gelten als denkbares Szenario.


Seit März 1984 ist Block C des AKW im bayerischen Gundremmingen in Betrieb. Block A war von 1967 bis 1977 in Betrieb. Der 1984 ans Netz gegangene Block B wurde am 31. Dezember 2017 abgeschaltet, Block C – ebenfalls 1984 in Betrieb genommen – folgte Ende 2021. (Bild: kkw-gundremmingen.de)

Viel Zeit braucht aber vor allem die turnusmäßige Sicherheitsüberprüfung der Kraftwerke – selbst wenn einige Politiker fest an die angeblich weltweit überragende Sicherheit deutscher Meiler glauben. Nach internationalen Standards müssen Atomkraftwerke eigentlich alle zehn Jahre die Ergebnisse einer Sicherheitsüberprüfung vorlegen, die sich üblicherweise über Jahre hinzieht. Die drei laufenden Kraftwerke sind hier überfällig. 2019 verzichtete man auf die Vorlage entsprechender Prüfergebnisse, weil sie ja nur noch drei Jahre laufen sollten. Das müsste jetzt also nachgeholt werden – es sei denn, der Bundestag bricht mit seiner bisherigen Sicherheitsphilosophie und verzichtet darauf.

Die Ergebnisse könnten nämlich durchaus offenbaren, dass kostenintensive Nachrüstungen nötig sind. Nicht zuletzt auch, weil die Betreiber die Anlagen wahrscheinlich so weit auf Verschleiß gefahren haben, dass sie die Sicherheit gerade noch gewährleisten konnten. Inzwischen wurde der Vorrat an Ersatzteilen abgebaut, Personal entlassen, gekündigt oder in den Vorruhestand geschickt – wodurch auch wichtiges Know-how verloren ging.

Und natürlich geht der Brennstoff langsam zur Neige. Gewiss, mit einer Art Sparbetrieb, „Streckbetrieb“ genannt, könnten die Kraftwerke ohne große Nachprüfungen noch 80 Tage über den 31. Dezember hinaus Strom liefern. Doch dann dürften die Reaktorkerne in diesem Sommer nicht mehr die volle Leistung bringen, damit sich die Produktion noch über den kommenden Winter bis März ausdehnen lässt. Mehr Strom gibt es deswegen natürlich nicht. Aber immerhin ließe sich der Gasanteil, der für die Stromproduktion gedacht ist, für die ebenso wichtige Wärmeerzeugung umwidmen.

Wollte man den gesamten Atomenergieausstieg allerdings noch für ein paar Jahre hinausschieben, müssten die Brennkammern schon bald neu mit Uran befüllt werden. Zwar stammen 40 Prozent des Urans noch aus Russland und Kasachstan, aber das ließe sich auch aus Australien, Namibia oder Kanada beschaffen – wobei an drei kanadischen Uranminen wiederum der russische Staatskonzern Rosatom beteiligt ist. Auch das geht also nicht von heute auf morgen. Von der Beschaffung, über die Herstellung und die atomrechtliche Freigabe für einen funktionsfähigen Reaktorkern vergehen im Regelfall 18 bis 24 Monate – so denn die derzeit weltweit gestörten Lieferketten funktionieren sollten.

Für RWE-Chef Markus Krebber, einer der Betreiber der verbliebenen Meiler, ist die Debatte gelaufen. Er hat, so zumindest Angaben in einem Interview mit dem Sender NTV, offenbar an einem eigenständigen Weiterbetrieb kein großes Interesse mehr. Sollten sich die Abgeordneten trotz aller Bedenken für eine Laufzeitverlängerung aussprechen, müsste die Bundesregierung womöglich selbst Unternehmen mit dem Weiterbetrieb beauftragen. Sie hätte dann zwar die volle Kontrolle, müsste aber auch die Verantwortung übernehmen und die Kosten für Investitionen, Betrieb und die sicherheitstechnischen und genehmigungsrechtlichen Verfahren den Steuerzahlern aufbürden. Denn Gewinn lässt sich mit den Meilern in der Krise trotz abgeschriebener Technik offenbar nicht erzielen. Andererseits: Fossile Kraftwerke aufzuwecken bedeutet, die Klimaziele in noch weitere Ferne zu rücken und damit unwägbare Klimagefahren in Kauf zu nehmen.


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(bsc)

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