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Corona-Pandemie: Wer braucht eine zweite Booster-Impfung gegen COVID-19?

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Viele Menschen sind vollständig gegen COVID-19 geimpft und haben nach der zweifachen Grundimmunisierung auch eine Auffrischimpfung (Booster) erhalten. Das Immungedächtnis ihrer B- und T-Zellen, das für einen langanhaltenden Schutz vor schweren Krankheitsverläufen sorgt, ist Studien zufolge schon nach der zweiten Immunisierung ziemlich hoch. Eine Booster-Impfung verstärkt diesen Schutz nochmal.

Weil aber jeweils einige Monate später die Antikörpermenge gegen SARS-Cov-2 im Blut abnimmt, wurde weltweit eine erneute Auffrischimpfung debattiert. Gesundheitsminister Karl Lauterbach etwa plädierte nicht nur in Deutschland, sondern gleich EU-weit für einen zweiten Booster ab 18 Jahren. Die USA dagegen setzten die Altersgrenze dafür bei 50 Jahren an. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die 4. Immunisierung erst ab 70 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen. Die Europäische Zulassungsbehörde EMA sieht die Notwendigkeit sogar erst ab 80 Jahren.

Für wen und ab wann ein weiterer Booster Vorteile haben könnten, und ob man auf die Omikron-spezifischen Corona-Impfstoffe warten sollte, darüber diskutierten am 21. April bei einer Veranstaltung des Science Media Centers Christine Falk, Leiterin des Instituts für Transplantationsimmunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheumaforschungszentrums Berlin, und Christoph Neumann-Haefelin, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Virusimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg.

Alle drei Experten stimmten darin überein, dass gesunde Menschen mit drei Impfungen unterhalb der STIKO-Altersgrenze keinen nennenswerten Zusatzschutz durch einen zweiten Booster erhalten. Zwar steige die Menge der Antikörper vorübergehend an und könne eine Zeitlang eine Infektion direkt in den Atemweg-Schleimhäuten verhindern. Dafür müssen die Antikörper mit dem Blut an die Oberfläche der Atemwege gelangen. Wie das genau passiert und warum die Schleimhautimmunität mit der Zeit wieder abnimmt, ist noch nicht gut verstanden.

Trotzdem verhindern die Immunisierung durch die Corona-Impfstoffe in den meisten Fällen schwere Krankheitsverläufe, indem die gebildeten Antikörper und andere Immunzellen die Viren angreifen. Bei diesem Abmildern und Verkürzen der Infektion helfen auch verschiedene T-Zellarten. „Die T-Zell-Antwort ist bereits nach einer zweifachen Impfung relativ robust und hält mindestens ein Jahr“, sagt Neumann-Haefelin.




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Auch deshalb mache es wenig Sinn, nur die sogenannten neutralisierenden Antikörper im Blut zu messen und das mit einem Impfschutz gleichzusetzen, betont Radbruch. Es seien weitaus mehr Antikörperarten und andere Abwehrmoleküle an der Immunantwort beteiligt. Es stimmt zwar, dass die Menge der neutralisierenden Antikörper abnimmt. Das liegt aber nicht an mangelhaften Impfstoffen, sondern ist vielmehr ein ganz normaler und sinnvoller Vorgang.

Zum einen sind mit fortschreitender Beseitigung der Impf-Antigene immer weniger Antikörper nötig. Zum anderen ist im Blut schlicht nicht genug Platz für große Antikörpermengen gegen sämtliche geimpfte Krankheiten. Stattdessen besitzt der Körper eine Art Antikörperdatenbank aus sogenannten B-Zellen, die jeweils Antikörper gegen ein ganz bestimmtes Erreger-Molekül produzieren. Begegnet die Abwehr im Blut erneut diesem Keim, legen die passenden B-Zellen los.

Die Zahl dieser B-Zellen liegt nach den COVID-19-Impfungen „im Bereich jener B-Zellen, die für Antikörper gegen Tetanus, Diphtherie oder Masern zuständig sind“, fügt Radbruch hinzu. „Man kann also davon ausgehen, dass man [durch B-Zellen, Anm. d. Red.] einen ähnlich langen Schutz haben wird, also wie bei Tetanus über zehn, 15 Jahre.“

Hinzu kommt, dass die Antikörper einen Reifeprozess durchlaufen, sodass sie mit der Zeit immer besser zum Virus passen. „Die Klasse nimmt ungefähr ein halbes Jahr lang, vielleicht auch länger, ganz drastisch zu. Man hat am Ende Antikörper, die zehn- bis hundertmal besser binden“, erklärt Radbruch. Auch deshalb sei Quantität nicht gleich Qualität und man sollte mindestens sechs Monate mit einer Auffrischimpfung warten. Boostert man zu früh dazwischen, wird der Reifungsprozess unterbrochen und muss von vorne beginnen.



„Wenn man ehrlich ist, ist das Ziel unrealistisch, durch Boostern einen kompletten Schutz vor einer Infektion erreichen zu wollen“, sagt Neumann-Haefelin. „Das Ziel der Impfung sollte sein, die verschiedenen Personengruppen vor wirklich schweren Infektionsverläufen zu schützen.“ Dazu gehören zum Beispiel immungeschwächte Menschen, die einen angeborenen Immundefekt haben oder deren Körperabwehr – durch Krebstherapien oder zum Schutz transplantierter Organe – medikamentös unterdrückt werden muss. Ihr Körper bildet oft auch nach zwei oder drei Coronaimpfungen keine Antikörper.

Die Immunisierung funktioniert zudem mit fortschreitendem Alter oft weniger gut. Es steigt der Anteil derer, die weniger Antikörper bilden. Deshalb ist laut Falk die von der STIKO gewählte Altersgrenze von 70 Jahren ganz gut. „Für diese Patientengruppen ist es wichtig und richtig, auch schon früher eine vierte Impfung zu erhalten“, sekundiert Neumann-Haefelin. „Die aktuelle Empfehlung lautet: nach drei Monaten.“ Ob die diskutierte Abstandsverkürzung für medizinisches Personal auf weniger als sechs Monate sinnvoll ist, damit sie etwa durch eine verringerte Viruslast andere besser schützen, ist aus seiner Sicht noch nicht ausreichend klar.

Macht es einen Unterschied, für die vierte Impfung die erste Vakzin-Generation zu nehmen, oder sollte man auf die angekündigten Omikron-spezifischen Impfstoffen warten? „Das ist schwer zu sagen, weil wir nicht wissen, welche Virusvariante im Herbst eventuell hochkommt“, sagt Neumann-Haefelin. Während die zweite Generation von BioNTech-Pfizer rein auf Omikron abzielt, soll Modernas Kandidat eine Mischung aus den bisherigen und der Omikron-Variante sein. „Ich glaube, man kann mit keiner Variante einen großen Fehler machen.“


(jle)

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