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Der Ukraine-Krieg fördert die Atomkraft in Asien – und bremst sie gleichzeitig

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Südkoreas Atomkraftlobby hatte am 10. März Grund zum Feiern. Mit weniger als 260.000 Stimmen Vorsprung hatte der Kandidat der konservativen Partei der Volksmacht, Yoon Suk-yeol, die Präsidentschaftswahl gewonnen. Und Yoon hatte versprochen, die Atomkraft wiederzubeleben, die der linke Amtsinhaber Moon Jae-in auslaufen lassen wollte. Und mit dem Ukraine-Krieg und dem drastischen Anstieg von Öl- und Gaspreisen ist er mit der gedanklichen Energiewende in Asien nicht allein.

Kurz vor dem elften Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima forderte vorige Woche ein japanischer Politiker der regierenden Liberaldemokratischen Partei einen beschleunigten Neustart abgeschalteter Atomkraftwerke (AKW). Der norwegische Energieberater Rystad Energy sieht darin einen Trend.

„Während mehrere Staaten auf der ganzen Welt der Kernenergie den Rücken kehren, steigt der allgemeine Appetit auf diese kohlenstoffarme Energiequelle“, urteilen die Analysten. Und Asien werde die Region sein, in der die Kernenergie am stärksten wachsen wird. Besonders China und Indien planen bereits den Ausbau.

Allein China will in den kommenden fünf Jahren 20 neue Atomreaktoren bauen, um die große Importabhängigkeit der energiehungrigen Nation zu senken. Indien will in der Zeit mit dem Bau von acht Reaktoren beginnen. Doch auch alte Atomnationen fanden schon vor der neuen Energiekrise mit dem Hinweis auf Klimaschutz wieder Gefallen an Atomkraft.




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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte im Februar an, in den kommenden 30 Jahren bis zu 14 neue Reaktoren zu errichten. Und auch die US-Regierung erklärte jüngst, dass Atomkraft notwendig für die Erreichung der Klimaziele ist, die Präsident Joe Biden ausgegeben hatte. Mit dem rapiden Anstieg der Gaspreise gewinnen diese politischen Pläne auch wirtschaftlich wieder eine höhere Glaubwürdigkeit. In den USA führten nämlich auch die höheren Kosten für Atomstrom dazu, dass der Anteil von Atomkraft sank, auch weil Gaskraftwerke weitaus billiger liefern konnten.

Aber die mögliche Atomwende ist beileibe kein Selbstläufer. Noch ist nicht nur offen, ob nicht billigere erneuerbare Energien das Streben nach atomarer Energiesicherheit untergraben. Gleichzeitig gibt es gerade in Japan alte rechtliche Hürden und global durch den Ukraine-Krieg neue Bedenken gegen die Atomkraft.

Japan baute vor der Atomkatastrophe im Jahr 2011 eines der größten Atomprogramme auf. Doch von den damals 54 kommerziellen Reaktoren konnten nur 25 einen Neustart beantragen. Und von denen sind derzeit nur fünf am Netz. Denn nicht nur prüft und urteilt die Atomaufsicht nach der dreifachen Kernschmelze im AKW Fukushima 1 rigoroser.

Lokale Bürgergruppen versuchen zudem, mit allen rechtlichen Mitteln, die Wiederinbetriebnahme von Reaktoren zu verhindern – oder wenigstens zu verzögern. Der Energieexperte Yuriy Humber von der Plattform Japan NRG sagt daher: „Die Wiederinbetriebnahme ist theoretisch eine gute Idee, in der Praxis wird es nicht schnell gehen.“

Der ehemalige Chef des japanischen Institute of Energy Economics, Professor Koichiro Tanaka von der Keio-Universität weist auf einen weiteren bremsenden Faktor hin, der durch den Ukraine-Krieg in Erinnerung gerufen wurde: Atomkraft ist eigentlich nur eine Energie für Friedenszeiten, weil AKWs sich im Krieg zu den dreckigen Atombomben des Feindes verwandeln können.

„Ein Neustart ist eine Möglichkeit“, meint der einflussreiche Experte Tanaka. „Aber wenn wir uns die Ukraine ansehen, sind Angriffe auf AKWs kein Tabu mehr.“ Russische Truppen hatten ein AKW beschossen und die Stromversorgung für die Atomruine von Tschernobyl unterbrochen.

Besonders weist der Professor auf Nordkorea hin, das Japan mit Raketen im Visier hat. Gleiches gilt jedoch für China, das mehr als 1000 Mittelstreckenraketen stationiert hat, die Nippon erreichen könnten. „Dies ist keine Lösung, die wir auf lange Sicht verfolgen können“, meint Tanaka daher über Atomkraft.

Ein anderer möglicher Bruchpunkt für eine nukleare Renaissance ist die große Rolle des russischen Anbieters Rosatom in der globalen Atomindustrie. Gerade Entwicklungsländer lassen ihre AKWs gerne von den Russen bauen, da die vom Bau über die Lieferung bis hin zur Entsorgung der Brennstäbe die gesamte Wertschöpfungskette aus einer Hand anbieten. Wenn die USA nun auch Rosatom auf die Sanktionsliste setzen würden, hätte das daher einen globalen Fallout. Noch ist also offen, ob die Förderer oder die Bremser der Atomenergie die Oberhand behalten werden.


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(bsc)

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