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Deutsche Atomkraft-Verlängerung zeichnet sich in Gaskrise ab

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Deutsche Behörden bereiten eine Laufzeitverlängerung für die drei noch aktiven Atomkraftwerke vor, um wahrscheinlich knappes, aber jedenfalls teures Erdgas für andere Zwecke als Stromerzeugung freizumachen. Offiziell entschieden sind die Verlängerung und ihre Dauer noch nicht, aber es muss flott gehen. Der aktuell rechtsgültige Atomausstieg sieht ja die endgültige Abschaltung bis 31. Dezember vor, also in viereinhalb Monaten. Sollen die Reaktoren in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen weiterlaufen, wenn auch nur ein wenig, sind viele Aufgaben zu meistern

Mit dem Überfall auf die Ukraine ist Russland ein unzuverlässiger Gaslieferant geworden. Deutschlands größter Gaslieferant schickt derzeit nur wenig Gas durch die Pipeline und könnte den Hahn komplett zudrehen. Der vor dem Krieg zweitgrößte Lieferant Norwegen kann seine Gasliefermenge nach Deutschland nicht erhöhen. Wenig überraschend sind die Gaspreise explodiert.

Da öffnen sich sogar die Grünen für einen Weiterbetrieb der AKW Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland für „ein paar Monate“. Koalitionspartner FDP wünscht sich sogar zwei Jahre. Auch wenn die Atomkraftwerke nur mehr etwa sechs Prozent des deutschen Stroms stellen, müssten diese sechs Prozent eben durch mehr Kohleverstromung und/oder mehr Gasverstromung ersetzt werden. Angesichts der Gaskrise ist das Steinkohle-Kraftwerk Mehrum bereits aus der Reserve an den Markt zurückgekehrt, was nicht nur die Grünen wurmt.




(Bild: 

Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov schreibt seit 2002 für heise online, anfangs aus Wien. Seit 2012 versucht er als Nordamerika-Korrespondent von heise online, Kanadier und US-Amerikaner zu verstehen und ihr Wesen begreiflich zu machen.

Nachdem die letzten deutschen Steinkohlegruben 2018 stillgelegt wurden, muss dieses Brennmaterial zur Gänze importiert werden. Größter Lieferant war bisher – erraten – die Russische Föderation. Jetzt gilt ein EU-weites Embargo für russische Kohle. Es gibt andere Bezugsquellen, aber Kohle statt Erdgas ist nicht zuletzt eine Herausforderung für die Logistik.

Das verfügbare Gas wird dringend anderswo benötigt, zum Heizen und in der Industrie. Und so läuft nun in Berlin ein typischer Film ab: Drei hochrangige Beamte erzählen dem Wall Street Journal (WSJ), dass die Verschiebung des verbliebenen Atomausstiegs praktisch ausgemachte Sache ist. „Die Reaktoren sind bis 31. Dezember sicher, und werden natürlich auch nach dem 31. Dezember sicher sein“, zitiert die US-Zeitung einen ungenannten Eingeweihten.

Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Amtsträger den US-Korrespondenten als Gesprächspartner ausgesucht haben, um keinen deutschen Verlag gegenüber anderen heimischen Medien zu bevorzugen. Und am Ende sehen die das noch kritisch! Die Gefahr läuft man beim konservativen WSJ nicht.

Offiziell hat das Bundeskabinett seinen Segen noch nicht erteilt, betont eine Sprecherin des Umweltministeriums. Schließlich läuft noch die offizielle Untersuchung des deutschen Energiebedarfs samt Stresstest. Kann ja niemand wissen, was dabei herauskommen mag.

Außer, man hat dieses Jahr Nachrichten gelesen.

Einfach wird die Sache nicht, selbst wenn der Nuklearstrom nur für ein paar Monate weiterfließen soll. Die Atomreaktoren müssen rezertifiziert, Versicherungspolicen adaptiert, und zusätzliches Brennmaterial beschafft und natürlich auch entsorgt werden. Mitarbeiter, Lieferanten und Behörden müssen sich auf die geänderten Aufgaben vorbereiten.

Die Zustimmung des Parlaments wird vergleichsweise simpel. Dort hat man nach dem offiziellen Atomausstiegsbeschluss 2002, der Laufzeitverlängerung 2010 und deren Rücknahme 2011 schon Übung.


(ds)

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