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„Endlich ausschlafen“: Wie gut sich Schulschließungen auf Jugendliche auswirkten

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Die Coronazeit hat viele verschiedene Forschende und Experimente auf den Plan gerufen – schließlich hat sich auf einen Schlag und nahezu zeitgleich einiges im Leben vieler Menschen geändert. Eine Forschergruppe der Uni Zürich hat das genutzt, um das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern und insbesondere deren Schlafverhalten während der Schulschließungen im ersten Lockdown zwischen März und Juni 2020 zu untersuchen. Was hinlänglich bekannt ist: In dieser Zeit haben depressive Symptome und Angstzustände bei Jugendlichen zugenommen. Aber wie sich nun zeigt, gab es auch einen positiven Aspekt: Die Schülerinnen und Schüler schliefen während des Lockdowns rund 75 Minuten mehr pro Nacht. Gleichzeitig konnten sich die Jugendlichen besser konzentrieren, und der Konsum von Alkohol sowie Koffein sei gesunken, so die Forschenden.

Die Züricher haben für die Studie die Schlafzeiten von mehr als 3500 Lernenden an Gymnasien während des Lockdowns verglichen mit Daten über das Schlafverhalten von 5000 Jugendlichen aus dem Jahr 2017. Im Lockdown standen die Jugendlichen an Schultagen rund 90 Minuten später auf, gingen aber nur etwa 15 Minuten später ins Bett. An den Wochenenden hingegen waren die Schlafenszeiten in beiden Gruppen vergleichbar. In einer Onlinebefragung gaben die Jugendlichen der Lockdown-Gruppe zudem an, sich gesünder gefühlt zu haben.

Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche wegen des für ihre innere Uhr zu frühen Schulbeginns ein Schlafdefizit anhäufen, das sich negativ auf kognitive Leistungen ebenso wie auf die langfristige Gesundheit auswirkt, sagt die Chronobiologin Eva Winnebeck von der TU München: „Das ist an sich ein alter Hut.“ Sie hat eine Schule in Aachen begleitet, die für die Oberstufe einen optionalen späteren Unterrichtsbeginn eingeführt und Vorteile für die Jugendlichen gesehen hatte: Sie gaben an, ihnen falle es leichter, sich zu konzentrieren – und wer später kam, schlief in der Regel mehr.

Zahlreiche Studien zeigen, dass insbesondere Teenager in der Pubertät ihren Rhythmus verändern und dazu neigen, später ins Bett zu gehen und später aufzustehen, wenn man sie ließe, sagt Urs Albrecht, Chronobiologe an der Unversität Fribourg in der Schweiz, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war: „Diese Studie bestätigt die Daten früherer Studien.“ Nur habe man bisher vor allem die negativen Effekte des zu frühen Aufstehens gesehen und dass es gesundheitlich schadet, wenn die Schule zu früh beginnt – „diese Studie belegt die positiven Effekte, wenn Jugendliche länger schlafen dürfen.“

Dass Kinder im Übergang zum Teenageralter auf einmal später ins Bett gehen, liegt nur zum Teil an der sozialen Veränderung, die dazu führt, dass sie abends länger auf ihre Handys schauen oder mit Freundinnen und Freunden telefonieren. Es liegt auch in der Biologie begründet: „Eulen und Lerchen gibt es tatsächlich“, sagt Albrecht und bestätigt damit die oft debattierten Schlaftypen: Eulen, die später müde werden und morgens später aufstehen würden, und Lerchen, die abends früher müde sind und morgens früher wach werden.

Zudem spielen die Gene, also die Veranlagung, eine Rolle: So laufe die sogenannte innere Uhr – Forschende sprechen vom zirkadianen Rhythmus – nicht bei allen gleich. Generell folge diese zwar so grob dem 24-Stunden-Rhythmus des Tages auf der Erde. Doch genauere Untersuchungen haben gezeigt, dass die innere Uhr des Menschen eigentlich einem etwas längeren Zyklus folge, bei den meisten zwischen 24 und 25 Stunden. Das hat beispielsweise der französische Geologe Michel Siffre in den 60er-Jahren gezeigt, als er für zwei Monate in einer finsteren Höhle in den Südalpen lebte und ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne Zeitempfinden trotzdem einen stabilen Rhythmus von etwa 25 Stunden entwickelte.

Diese Punkte zusammengenommen machen deutlich, dass es für Jugendliche besonders beeinträchtigend ist, wenn sie gegen ihre innere Uhr arbeiten, die in dieser Lebensphase in Richtung Eule verschoben ist: „Sie häufen ein Schlafdefizit an“, so Albrecht.

Und das sei gefährlich, warnt Winnebeck: „Schlafmangel hat weitreichende Folgen für die Gesundheit.“ Kurzfristig zeigten sich Konzentrationsstörungen und eine schlechtere Reaktionszeit, was schon auf dem Schulweg zu gefährlichen Situationen führen kann. Zudem neigten unausgeschlafene Jugendliche dazu, mehr Risiken einzugehen und mehr Alkohol zu trinken. Langfristig sei Schlafmangel außerdem mit einer erhöhten Anfälligkeit für Depressionen sowie Stoffwechselstörungen wie Adipositas assoziiert. In der Pubertät sei das verheerend, sagt Winnebeck: „In einer Zeit, in der sowieso schon alles durcheinander geht, wird auch noch das rationiert, was einen vernünftig und gesund hält: der Schlaf.“


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Wieso können Teenager nicht einfach früher ins Bett gehen und den gleichen Effekt erzielen? Einerseits ist es biologisch schwierig, weil sie aufgrund der biochemischen und hormonellen Veränderungen – die noch nicht vollständig erforscht sind – offenbar später müde werden. Andererseits ist es auch ein gesellschaftliches Thema: Denn Schlafmangel häufen auch Erwachsene an.

Das Problem bei ihnen ist dabei eher hausgemacht als biologisch indiziert. „Wir gehen mit Licht ungünstig um“, sagt Winnebeck: Schließlich sei es das Licht, das unsere innere Uhr „eicht“, wie die Atomuhr uns hilft, Uhren zu eichen, erklärt Winnebeck. Aber viele Menschen sitzen in zu dunklen Büros und sind zu wenig draußen. „Natürliches Licht ist viel stärker.“ Damit ähnelt das Licht, dem sie tagsüber ausgesetzt sind, zu sehr jenem Licht, in dem sie abends sitzen, wenn es draußen längst dunkel ist. „Das Signal für die innere Uhr wird dadurch schwächer, und die Tendenz der meisten inneren Uhren ist, später zu werden, wenn man die Stärke des Zeitgebers verändert.“

Gerade Deutschland tue sich schwer mit der Idee, später aufzustehen – das zeige sich schon an der Wortwahl: „Wir sagen Frühaufsteher und Langschläfer, dabei schlafen Langschläfer nicht länger, sondern oft sogar kürzer.“

Der Weg in ein besseres Leben mit weniger Schlafmangel führt somit über zwei Pfade: Ein besserer Umgang mit Licht – also darüber, dass Menschen ihren Lebensstil ändern, mehr draußen sind und abends nicht am Computer arbeiten – aber auch über gesamtgesellschaftliche Veränderungen, wie eine spätere oder zumindest flexible Anfangszeit von Schule und Arbeit. „Corona ist hier eine große Chance, eingefahrene Muster zu verändern“, sagt Winnebeck.


(jle)

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