Start Nachrichten Erneuerbare Energien: Wie ambitioniert ist der Koalitionsvertrag?

Erneuerbare Energien: Wie ambitioniert ist der Koalitionsvertrag?

29
0


So, nun steht er also, der Koalitionsvertrag. Dass die einen ihn zu ambitioniert finden und die anderen nicht ambitioniert genug, war ja zu erwarten. Halten wir uns also an die Zahlen.

Das zentrale Ziel lautet: 80 Prozent Erneuerbare an der Stromversorgung bis 2030. Zum Vergleich: 2020 lag der Anteil knapp über 50 Prozent, im laufenden Jahr sank er wieder etwas ab, vor allem wegen des Wetters. Heißt also: 30 Prozentpunkte mehr sind in den nächsten acht Jahren zu erreichen. Klingt ambitioniert, aber irgendwie noch machbar.

In absoluten Zahlen verbirgt sich dahinter allerdings noch eine weitaus größere Steigerung, denn parallel dazu nimmt auch der Stromverbrauch zu – etwa durch E-Autos und Wärmepumpen. Das ist per se nichts Schlechtes, denn wenn eine effiziente Elektrifizierung fossile Brenn- und Treibstoffe verdrängt, spart sie dadurch unter dem Strich Primärenergie ein. Trotzdem sollte man den steigenden Stromverbrauch nicht vernachlässigen.

Die Ampel-Koalition tut das auch nicht. Sie setzt den Brutto-Stromverbrauch für 2030 auf 680 bis 750 Terawattstunden an. (2020 lag er bei rund 545 TWh.) Daraus folgt: Um die Ziele zu erreichen, müssen 2030 rund 544 bis 600 Gigawatt an EE-Leistung installiert sein – das ist mehr als das Vierfache der aktuellen Leistung von gut 134 GW. Das hört sich schon weitaus sportlicher an.




Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Noch deutlicher wird dies, wenn man sich den bisherigen Zubau anschaut: Er dümpelte in den letzten Jahren immer im Bereich von deutlich unter 10 GW pro Jahr herum (siehe Grafik). Dazu kommt: Um das bisherige Niveau zu erreichen, hatten wir mehr als 20 Jahre Zeit – und konnten viele niedrig hängende Früchte pflücken, etwa bei den günstigsten Standorten für Windkraftanlagen. Ob Fortschritte bei der Effizienz das kompensieren, ist fraglich.



Nichts von den Zielen ist unmöglich. Aber um sie zu erreichen, müssen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung wirklich an einem Strang ziehen. Mangelnde Ambitionen kann man dem Koalitionsvertrag in diesem Punkt jedenfalls nicht vorwerfen.




Wie kann Deutschland klimaneutral werden? Wie kann KI Klimamodelle besser machen? Und: Was steckt hinter negativen Emissionen? Um diese und weitere Fragen dreht sich das aktuelle Klima-Sonderheft von MIT Technology Review (jetzt im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich).

Bleibt eine andere Frage: Welchen Einfluss hätte ein Anteil von 80 Prozent Erneuerbaren auf das Stromnetz? Um das abzuschätzen, hat das Science Media Center ein großartiges Tool ins Netz gestellt. Hier kann jeder seine eigenen Daten über den Umbau des Energiesystems eingeben, und am Ende verrät das Tool anhand von historischen Wetterdaten, ob es zu einem Blackout gekommen wäre.

Trage ich die Ziele aus dem Koalitionsvertrag ein, komme ich zu einer „Versorgungslücke“ von knapp 26 Gigawatt (trotz bereits angenommenen 35 GW an Gaskraftwerken, 10 GW an Elektrolyseuren und 22 GW an Importen).

„Einerseits kann es Sinn ergeben, den Anteil der Erneuerbaren weiter zu erhöhen. Selbst wenn nicht alle Löcher verschwinden, erhöhen Sie damit die Möglichkeit, aus den Überschüssen Wasserstoff für die dunklen Stunden zu gewinnen“, heißt es im Auswertungstext. „Andererseits kann es nötig sein, doch noch mehr Back-Up-Kraftwerke einzuplanen.“

Sprich: Es müssten mehr Erdgas-Kraftwerke gebaut werden. Das ist an sich kein Showstopper für die Energiewende, denn wenn die Kraftwerke wirklich nur an wenigen Tagen laufen, hält sich der Schaden für das Klima in Grenzen. Nur ist es halt ziemlich teuer, Kraftwerke für so wenige Volllaststunden vorzuhalten. Andererseits kann dies trotzdem günstiger sein als eine Über-Installation von Erneuerbaren mit dazugehörigen Batterie- oder Wasserstoffspeichern. Wir werden noch an vielen Stellschrauben drehen müssen, um hier die richtige Balance zu finden.


Mehr von MIT Technology Review

Mehr von MIT Technology Review


Mehr von MIT Technology Review

Mehr von MIT Technology Review


(grh)

Zur Startseite



Quelle

Vorheriger ArtikelViel Testosteron am „Tatort“ aus Dortmund: Wie sehen Sie den Fall „Masken“?
Nächster ArtikelWoche der Hearings und Chef-Bestellungen im ORF: FM4, TV-Magazine, GIS

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein