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Hirnfressende Amöben und andere Klimafolgen

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Die Klimakrise führt dazu, dass sich hunderte Krankheiten stärker verbreiten könnten. Das bringt auch Einschränkungen im Alltag mit sich.

Die asiatische Tigermücke vermehrt sich dank der steigenden Temperaturen jetzt auch in Graz und Umgebung

Unmittelbare Auswirkungen der Klimakrise auf die Gesundheit sind mittlerweile in unserem Bewusstsein angekommen, etwa dass Hitzewellen den Körper belasten und zu Hitzeschlägen, Dehydrierung und Herz-Kreislauf-Störungen führen können. Das Ausmaß, in dem die Klimakrise ein drastisches Gesundheitsrisiko darstellt, ist jedoch weitaus größer.

Klimakrise verstärkt hunderte Krankheiten

Forscher*innen fanden heraus, dass mehr als die Hälfte aller humanpathogenen Krankheiten durch den Klimawandel verschlimmert werden könnten. Das Team der University of Hawaiʻi in Mānoa suchte empirische Beispiele mit Auswirkungen von klimarelevanten Gefahren auf jede bekannte humanpathogene Krankheit. Das Ergebnis: Erwärmung, Niederschläge, Überschwemmungen, Dürren, Stürme, Klimawandel der Ozeane, Brände, Hitzewellen und Änderungen des Meeresspiegels beeinflussen 218 der 375 bekannten Krankheiten, die durch Viren, Bakterien, Tiere, Pilze, Pflanzen und andere Organismen ausgelöst werden. Eine interaktive Webseite veranschaulicht jeden Zusammenhang zwischen einer Klimagefahr und einem Krankheitsfall.

Temperaturanstiege oder Überschwemmungen fördern zum Beispiel die Verbreitung von Mücken, Zecken oder Bakterien, die an Krankheitsausbrüchen von Dengue, Pest, Borreliose, West Nil Virus, Zika, Malaria beteiligt sind. Wetterextreme können zudem auch die Anfälligkeit der Menschen für Krankheiten erhöhen, etwa weil Mangelernährung und Stress das Immunsystem schwächen oder extreme Ereignisse wie verheerende Stürme und Hochwasser den Zugang zu medizinischer Versorgung einschränken. Dürren waren nachweislich förderlich für schlechte sanitäre Einrichtungen, die für Fälle von Chlamydien, Cholera, Durchfallerkrankungen, Ruhr, Escherichia coli, Salmonellen, Krätze und Typhus verantwortlich waren.

Hirnfressende Amöbe

Der Tod eines Kindes in Nebraska im Sommer brachte in den USA die seltene, aber tödliche Naegleria fowleri als „hirnfressende Amöbe“ in die Schlagzeilen. Es war bereits der zweite tödliche Krankheitsausgang des Jahres im Mittleren Westen. Die Amöbe lebt in warmem, frischem Wasser und kann durch die Nase in den Körper eindringen, wo sie zum Gehirn wandert und beginnt, Gewebe zu zerstören. Die traurigen Todesfälle unterstreichen eine beunruhigende neue Realität – der Klimawandel sorgt dafür, dass die Amöbe in Teilen der USA auftaucht, in denen sie sie bislang nicht typisch war. Sie wandert von den Südstaaten weiter in den Norden und Westen.

Naegleria wächst am besten in warmen Gewässern – Temperaturen über 30 °C und verträgt Temperaturen bis zu 46 °C. Zunehmend warmes Klima bereitet ihr also beste Bedingungen, sich weiter auszubreiten. Die Amöbe verursacht eine Krankheit namens primäre amöbische Meningoenzephalitis, und obwohl die Wahrscheinlichkeit zu erkranken bisher gering war, ist sie sehr tödlich. Laut der US-amerikanischen Behörde Centers for Disease Control haben zwischen 1962 und 2020 nur 4 von 151 Menschen die Infektion in den Vereinigten Staaten überlebt. Expert*innen rechnen durch die klimawandelbedingte Ausweitung mit einer Steigerung der Infektionszahlen und haben Empfehlungen zum Schwimmen in Seen erarbeitet. So soll man etwa gar nicht erst den Kopf unter Wasser halten oder zumindest Nasenklammern tragen, Kinder sollten nicht mehr mit Schlamm und Erde an den Ufern spielen.

Italienisches West Nil Virus und steirisch-asiatische Tigermücken

In der Steiermark, vor allem in Graz und Umgebung, wurden in diesem Sommer die Bürger*innen aufgerufen, ihre Gießkannen immer vollständig zu leeren, Regentonnen abzudecken, Mückenfallen zu bauen und sich die App „Mosquito Alert“ aufs Handy zu holen. Grund dafür ist die asiatische Tigermücke, die sich seit gut 2 Jahren in Österreich dank milder Winter und heißer Sommer heimisch fühlt. Sie kann bis zu 20 Krankheiten übertragen, mit denen man sich als Durchschnittsösterreicher*in bisher nur dann beschäftigen musste, wenn man eine Fernreise in tropische Gebiete geplant hat. Erkrankungen aufgrund der eingewanderten Tigermücken wurden aber in diesem Jahr noch keine bekannt.

Anders in mehreren italienischen Provinzen, wo 2022 ein deutlicher Anstieg an Infektionen und Todesfällen durch das von Gelsen übertragene West Nil Virus (WNV) verzeichnet wurde. Für Menschen über 50 Jahre besteht ein höheres Risiko für schwere Krankheiten, es gibt keine Impfstoffe zur Vorbeugung oder Medikamente zur Behandlung von WNV-Infektionen bei Menschen. Deshalb griffen etliche italienische Gemeinden großflächig zu Insektenspritzmitteln, was mit sich brachte, dass Anrainer*innen ihre Haustiere nicht mehr ins Freie lassen und das Obst und Gemüse aus ihren Gärten nicht essen konnten. In Pasiano sind alle Bürger*innen bis 31. Oktober sogar per Verordnung verpflichtet, keine Gegenstände herumliegen zu lassen, in denen sich Regenwasser sammeln könnte, um Gelsen keine Brutstätten zu bieten.

Zwang und Freiheit

Immer wieder wird gegen wirksame Klimapolitik ins Feld geführt, dass man sich von Ökofundis nicht in der persönlichen Freiheit einschränken lassen will. Dabei zeigen allein die wenigen oben genannten Beispiele eindeutig, dass nicht der Kampf gegen die Klimakrise uns einschränkt, sondern es die Untätigkeit dagegen ist, die uns neue Regeln aufzwingt und Freiheiten raubt.

„Es war wirklich beängstigend, die massive gesundheitliche Anfälligkeit zu entdecken, die sich aus den Treibhausgasemissionen ergibt“, sagt Camilo Mora, der leitende Autor der Studie über den Zusammenhang zwischen Klimakrise und humanpathogenen Krankheiten. Seine Empfehlung geht deshalb auch über Nasenklammern und Regentonnen-Abdeckungen hinaus: Wenn wir keine neuen gesundheitlichen Einschränkungen riskieren wollen, dann müssen wir dringend die Treibhausgasemissionen reduzieren.



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