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Kommentar: Das COVID-19-Echo aus den armen Ländern

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Eine schlechte Nachricht kommt bekanntlich selten allein: So war es – pflegt man eine fatalistische Grundhaltung – absehbar, dass zu explodierenden Infektionszahlen und überquellenden Intensivstationen nun auch noch eine neue Corona-Variante hinzu kommt.

Allerdings sind die neue Variante und künftige, die noch kommen werden, mitnichten Schicksal. Sie sind menschgemacht. Sie entstehen dort, wo Menschen dem Virus schutzlos ausgeliefert sind. So wie jetzt in Südafrika.

Um all die Menschen zu impfen, die sich Impfstoffe nicht leisten können oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, haben die WHO, CEPI (Coalition für Epidemic Preparedness Innovations) und GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunisation) gemeinsam mit UNICEF die COVAX-Initiative gegründet.




Jo Schilling ist TR-Redakteurin. Sie hat nie ganz aufgehört, Naturwissenschaftlerin zu sein und ist überzeugt, dass komplizierte Zusammenhänge meist nur kompliziert sind, weil noch die richtigen Worte für sie fehlen.

Eine humanitäre Initiative, von der jeder Kenntnis haben kann, der ab und an Nachrichten liest oder sieht. Vor allem auf der EU-Bühne sind COVAX und die teilweise seltsam anmutenden Verteilungsschlüssel präsent. Aber auch der scheidende Gesundheitsminister Spahn musste sich kürzlich für 8,8 Millionen an COVAX verschenkte Biontech-Impfdosen mitten in der Diskussion um Booster- und Erstimpfungen rechtfertigen. In der Not und angesichts der Bedrohung durch das Virus mitten unter uns, verkümmert die menschliche humanitäre Ader jedoch leicht: Wir drehen uns um Booster-Impfungen, schlechte Impfquoten in unserer Gesellschaft, volle Fußballstadien und Militärflugzeuge, die Intensivpatienten durch das Land fliegen. Der eigene Oberarm ist uns der nächste.

Omicron zeigt uns jedoch gerade die wohl gefährlichste Lücke in unserem Pandemie-Management: Die stete Gefahr, dass eine neue Variante auftaucht, die unsere so mühsam aufgebauten Abwehrstrategien unterläuft. An dieser Stelle kommt die humanitäre Hilfe wieder ins Spiel und gibt der Binsenweisheit, dass humanitäre Hilfe vor allem den Helfenden hilft, ein ganz anderes Gewicht. Denn – um bei Omicron zu bleiben – die Menschen in Afrika und Südafrika zu impfen, schützt uns unmittelbar.

Dazu ein paar Zahlen: Am 30. November waren in Europa insgesamt 1.416.009 Menschen an COVID-19 gestorben. In den USA waren es 778.601 Menschen. Damit sind auf dem Europäischen Kontinent und in den USA über 40 Prozent der weltweiten Toten durch COVID-19 zu beklagen. Allerdings machen diese beiden reichsten Regionen der Erde gerade mal 16 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Auffallend ist, dass SARS-CoV-2-Varianten – bis auf die in Großbritannien entstandene Alpha – sämtlich aus BRICS-Staaten stammen, den fünf großen Ländern, mit aufstrebenden Volkswirtschaften, aber gleichzeitig großem Sozialgefälle: In Brasilien hat sich Gamma entwickelt; Russland hat noch keine eigene Variante; aus Indien kommend, hat sich Delta um die Welt verbreitet; in China hat die Pandemie ihren Ursprung und Südafrika war sogar bereits zweimal mit neuen Varianten vertreten. Beta hat sich in anderen Regionen nicht durchsetzen können, war in Südafrika jedoch dominant. Und jetzt Omicron.


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Was Omicron uns bringen wird, ist derzeit völlig unklar. Klar ist, dass diese Variante im Vergleich zur Ausgangsvariante stark mutiert ist. Jede dieser Mutationen ist bereits bekannt, jedoch nicht in der Kombination, die Omicron entwickelt hat. Besonders im Fokus ist das Oberflächenprotein, mit dem sich das Virus Zutritt in die menschlichen Zellen verschafft – das Spike-Protein – denn das ist das Protein, auf das unser Immunsystem reagiert und das für die Impfung genutzt wird. Der Rest ist reine Spekulation.

Forschende sind aus guten Gründen besorgt, äußern das öffentlich und empfehlen die Impfung, weil jede Impfung – egal gegen welche Variante – zumindest einen Grundschutz bietet. Biontech arbeitet an einem neuen Impfstoff, der an die neuen Mutationen angepasst ist. Sonst gibt es dazu derzeit nichts zu sagen. Wir müssen abwarten, auch wenn es schwerfällt.

Also ist Zeit, einmal die Ursachen für das jüngste Geschehen in den Fokus zu rücken: Bleiben wir aus gegebenen Anlass in Südafrika. Südafrika weist derzeit eine Impfquote von gerade einmal 24,3 Prozent auf. In den benachbarten Staaten ist die Situation ähnlich oder schlechter. In Südafrika hat das Virus in anderen Varianten bereits massiv gewütet, daher sind Aussagen über den milden Verlauf bei Betroffenen mit Vorsicht zu bewerten, denn auch wenn das Virus stark mutiert ist, bietet die durchlaufene Infektion einen gewissen Immunschutz – so wie wir das von den Impfungen ebenfalls erhoffen. Zudem ist die südafrikanische Bevölkerung sehr jung: Nur sechs Prozent der Menschen sind über 65 Jahre alt. Damit haben die Patientinnen und Patienten ohnehin eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen milderen Verlauf.

Was die südafrikanische Bevölkerung jedoch grundsätzlich von europäischen Ländern und Nordamerika unterscheidet, ist die massive Durchseuchung mit HIV. Südlich der Sahara sind etwa 25,6 Millionen Menschen HIV-positiv. In Südafrika ist die Situation besonders schwierig. Dort sind über 20 Prozent der Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert. Und diese Menschen bieten dem Virus eine einzigartige Gelegenheit. Es kann an dem geschwächten Immunsystem der HIV-Infizierten trainieren, wie es der Immunantwort entkommt, denn die funktioniert nur zögerlich und unentschlossen. Wechselt es den Wirt – und dieser Wirt ist nicht geimpft – kann es seine neuen Fähigkeiten erproben und, wenn es für das Virus gut gelaufen ist, seine Reise um die Welt antreten.

Damit sind wir wieder am Anfang. Selbst wenn es uns dreifach geimpften, privilegierten Industriestaateneinwohnern egal ist, wie die Menschen in Afrika, Indien oder Südamerika mit COVID-19 fertig werden: Wenn wir ihnen nicht helfen, das Virus zu bekämpfen und sie darin unterstützen so viele wie irgend möglich zu impfen, werden wir auch die nächsten Winter noch mit dem Echo leben müssen.


(jsc)

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