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Kommentar: Groß in Aufholprogrammen, klein in zukunftsorientierter Schulpolitik

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Die Bundesbildungsministerin und auch die Ministerinnen und Minister der Kultusministerkonferenz (KMK) klopfen sich in schweren Zeiten gegenseitig auf die Schultern. Anders ist die Pressemitteilung zum Zwischenbericht des Aktionsprogramms „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ eigentlich nicht zu verstehen.

Wie Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) erklärt, habe die Corona-Pandemie „Kinder und Jugendliche besonders belastet“. Durch die Schulschließungen seien große Lernlücken, psychische Belastungen und weitere soziale Benachteiligungen entstanden. Aber mit dem zwei Milliarden Euro starken Aufholprogramm des Bundes habe man viele Gelder und Programme bereitgestellt, um den Kindern zu helfen, verlorene Lernstunden wieder aufzuholen.




Kristina Beer schreibt für heise online und beschäftigt sich gerne mit der Frage, wie sich technischer Fortschritt auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auswirkt. Ab und an moderiert sie auch die heiseshow.

Die KMK-Vorsitzende Karin Prien (CDU) sagte ungefähr das Gleiche mit ähnlichen Worten. „Kinder und Jugendliche haben am meisten unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten“, so Prien. Und die gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Ländern sollten dabei helfen, dass „Schülerinnen und Schülern mit den diversen Angeboten wieder eine Rückkehr Richtung Normalität“ geboten werden kann.

Kultusminister Ties Rabe (SPD) aus Hamburg ergänzte: „Schätzungen zufolge haben die pandemiebedingten Schulschließungen bei etwa einem Viertel der Schülerinnen und Schüler zu Lernrückständen geführt.“

Ja, die Pandemie hat einige Schülerinnen und Schüler abgehängt, exakter gesagt: weiter abgehängt, aber ist hier nur die Pandemie schuld oder liegt der Fehler nicht ganz grundsätzlich im System?

Kultusministerinnen und -minister hoben nach der ersten Akutphase der Pandemie darauf ab, dass vor allem die Schulschließungen die Kinder und Jugendlichen zurückfallen ließen und diese „psychische Belastungen“ herbeiführten oder verstärkten. Aber ist das nicht immer noch eine zu einfache Antwort auf eine komplexe Gemengelage? Kinder und Jugendliche erklärten nämlich auch, dass psychische Belastungen daher rührten, dass sie Angst vor Ansteckung, Jobverlust der Eltern und weiteren Folgen der Pandemie hatten. Nicht nur der Schulausfall bedrückte, sondern die Art, wie sich das Leben veränderte und welche existentiellen Bedrohungen auch für Kinder und Jugendliche greifbarer wurden.

Wenn die Sorge um das Wohl und Wehe der Kinder und Jugendlichen also ständig so groß war, wie gerne von Politikerinnen und Politikern unterstrichen wird, muss man sich fragen, weshalb auch gerade Kultusministerinnen und -minister eher auf das Konzept der Nach-, denn der Vorsorge gesetzt haben und offenbar weiterhin setzen. Denn wie kamen diese Lernrückstände zustande? Hätten diese wirklich so groß ausfallen müssen?

Zum einen besteht die Ungleichheit im deutschen Schulsystem schon lange. Chancengleichheit ist hier oft nur ein Wunschtraum. Zum anderen hätte man in den akuten Pandemiephasen wesentlich engagierter für hybride Lernformen eintreten können, für einen guten Fernunterricht, für mehr digitale Zugänge und mehr gleiche Voraussetzungen bei Lernmitteln und genereller Ausstattung, um die ohnehin vorhandenen Lücken nicht noch zu vergrößern. Hier liegt in der deutschen Schulpolitik der Hase einfach schon lange im Pfeffer.

Und hat die Ukraine nicht gerade gezeigt, was in Krisenzeiten alles möglich ist? Dass Schülerinnen und Schüler online weiter an den vorher gewohnten Unterricht anknüpfen und sich so auch in gewohnten Klassenverbänden wiederfinden können? Dass sie trotzdem heimische Gemeinschaft zumindest zum Teil erleben können und Kontinuität ermöglicht wird?

Aber was ist in Deutschland womöglich anders? In Deutschland stand man nach einem anfänglich disruptiven Digitalisierungsschub in Schulen durch den Beginn der Pandemie schon schnell wieder auf der Bremse. Man bewegt sich nun wieder mit deutscher Wohlfühlgeschwindigkeit. Die Bildungslandschaft teilte sich rasch in diejenigen, die den Präsenzunterricht als das Nonplusultra darstellten, Infektionsschutzmaßnahmen wie das Maskentragen oder regelmäßige Testungen nur zähneknirschend für kurze Zeitintervalle akzeptieren wollten und dann in diejenigen, die sich eine wesentlich mehr auf Infektionsschutz fokussierte Schulpolitik wünschten; die für kleinere, geteilte Klassen, Luftfilter, hybride Lernformen und auch einen guten (digital unterstützten) Distanzunterricht eintraten.

Die einen wollten, wie Karin Prien oft betonte, „zurück zur Normalität“, die anderen stellten klar: Die Normalität ist jetzt anders.

Diese großen Linien ziehen sich beileibe nicht nur durch die Schulpolitik, sondern sind auch gesamtgesellschaftlich zu beobachten. Für die einen ist die Pandemie vorbei, die anderen verweisen weiterhin auf das Zirkulieren eines neuen Virus, welches schon einige unschöne Überraschungen bereithielt und für weltweit Millionen Tote sorgte. In Deutschland starben in den vergangenen Wochen täglich hunderte Menschen an dem Virus.

Auf welche Linie des Umgangs mit der Pandemie hat man sich nun in der deutschen Schulpokitik geeinigt? Wie der Pressemitteilungs-Feed der KMK und des Bundesbildungsministeriums, aber auch der Zwischenbericht zum Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ deutlich macht, geht es jetzt zunächst wieder um Vergangenheitsbewältigung und Aufholjagd.

Aber wie man weiß, folgt auf den saisonbedingt eher nicht so dramatischen Pandemie-Sommer auch wieder ein Pandemie-Herbst und wie die KMK jetzt in diesen Herbst hineinschliddern will, bleibt unklar.

Was mir also ganz persönlich in der Schulpolitik wieder fehlt? Die Zukunftszugewandtheit. Denn mir fällt erneut auf: Es wird wieder nicht über das nächste Schuljahr gesprochen und wie man dort drohenden neuen Lernrückständen möglicherweise proaktiv begegnen könnte.

Ich vermisse Diskussionen, die sich damit beschäftigen, wie im Herbst 2022 größere Infektionswellen und Ausfälle in den Schulen verhindert werden könnten. Wie will man in diesem Jahr sicherstellen, dass Kinder und Lehrkräfte, die vielleicht doch wieder in Isolation müssen, weiterhin lernen und lehren können? Wie soll es in den Klassen aussehen?

Aktuelle Simulationen zeigen beispielsweise, dass unter anderem das Prinzip der geteilten Klassen die Infektionsraten in der Gesamtbevölkerung am stärksten senkte. Tragen die Kinder und Jugendlichen das Virus wieder über Bildungseinrichtungen in die Familien hinein, vergrößern sich die Infektionswellen entsprechend, denn – Sie wissen schon – der Domino-Effekt, das exponentielle Wachstum. Wir haben das ja nun alle schon zwei Winter hintereinander durchgespielt. Das könnte wieder eines der großen Probleme im Herbst werden. Verschlafen wir also wieder auf der Sonnenliege einen Pandemie-Sommer, um im -herbst ganz überrascht zu sein?

Die im vergangenen Jahr aufgelegten Luftfilterprogramme waren oft Rohrkrepierer, für viele Schulträger trotzdem noch zu teuer, zu spät angesetzt, viel zu lange für den Einsatz in Schulen bekämpft, während sie schon lange in Landtagen installiert worden waren. Wird es in diesem Jahr ähnlich laufen?

Statt später Lehrkräften, Kindern, Jugendlichen und Familien wieder vorzuzählen, wie groß die Lernrückstände ausgefallen sind und wie schlimm die Situation insbesondere für Kinder und Jugendliche war, könnte man jetzt alles daran setzen, dass der Unterricht auch in Extremsituationen weiterläuft.

Stattet also jetzt entsprechend Schulen aus, wenn der Präsenzunterricht wirklich das Nonplusultra ist. Schreibt jetzt Konzepte, für den Fall, dass Präsenzunterricht wieder nicht einfach so durchführbar ist. Macht also endlich mal ernst mit digitalen Hybridangeboten und Ausweichmöglichkeiten. Und tut nicht so, als müsste man nur dreimal in den Hexenkessel „Normalität, Normalität, Normalität“ rufen und dann läuft es schon irgendwie. Normalität als Grundeinstellung lassen Krieg, Corona und Klimawandel nicht mehr so einfach zu. Das sind leider diese neuen Zeiten oder auch: Das ist wohl diese Zeitenwende – und die betrifft auch die Schulen.




Wie sollte die Digitalisierung in unseren Schulen umgesetzt werden? Wie beeinflusst die Coronavirus-Pandemie das Geschehen? Was wurde im Schuljahr 2020/2021 erreicht? Das möchte unsere Artikelserie beleuchten.




Wie sollte die Digitalisierung in unseren Schulen umgesetzt werden? Wie ist es bisher gelaufen? Das möchte unsere Artikelserie beleuchten.


(kbe)

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