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Kommentar: Raus aus der Zwickmühle Atomkraft

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Die Debatte über die Atomkraft hat in diesem Jahr zuerst durch den Vorschlag für eine Taxonomie-Verordnung neuen Anschub bekommen, den die EU-Kommission am Silvesterabend vorgelegt hat. Nun zeigen sich durch den Überfall Russlands auf die Ukraine weitere Aspekte dieser Form der Energiegewinnung. Sie zeigen verstärkt ihre Ambivalenz auf.

In den ersten Wochen dieses Jahres ging es zunächst um die Möglichkeiten, mit gelenkten Investitionsströmen in bestimmte Formen der Energieerzeugung die Klimaziele Europas zu erreichen und dabei auch die Atomkraft zu Hilfe zu nehmen, Erdgas als „Brückentechnologie“. Seit dem 24. Februar schwindet die zweite Option wegen der starken Abhängigkeit bei diesem Energieträger von einem Land, das ein anderes mit Tod und Zerstörung überzieht.

Aus den Pipelines aus dem Osten strömt nicht nur Erdgas, auch Blut, wie es dieser Tage öfters hieß. Mit dem Geld, das dafür in die Gegenrichtung fließt, wird ein aggressives Regime finanziell gestützt, das jederzeit auch den Gashahn abdrehen könnte. Der diese Woche erschienene Bericht des Weltklimarats übt zusätzlichen Druck aus, uns bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Erde zu retten.

So rückt mangels ausreichender Kapazitäten der Erneuerbaren die erste Option in den Vordergrund. Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte sich als Grüner wohl nie denken können, die Möglichkeiten prüfen zu lassen, ob die Laufzeiten der verbliebenen drei deutschen Atomkraftwerke verlängert werden können.

Die AKW Neckarwestheim, Isar 2 und im Emsland müssen laut Atomausstiegsbeschluss von 2011 spätestens Ende dieses Jahres abgeschaltet werden, die Betreiber Eon, RWE und EnBW hatten sich eigentlich längst damit abgefunden, sonst übliche Sicherheitsprüfungen fanden nicht mehr statt, Betriebsgenehmigungen laufen aus. Atomkraftwerke lassen sich nicht einfach so weiterbetreiben wie stillgelegte Kohlekraftwerke, hieß es. Aber nun, da Habeck erst einmal vorprüfen und nun wohl ganz prüfen lässt, wollen wenigstens zwei Betreiber angesichts der Lage in der Ukraine doch schauen, was zu machen ist. Politiker wie Markus Söder und Vertreter aus der Wirtschaft und noch mehr hängen sich dran.

Dort, in Tschernobyl in der Ukraine, steht seit dem Super-GAU vom April 1986 das Menetekel der Atomkraft. Die Russen haben es besetzt, die Internationale Atomaufsicht sorgt sich sehr um die Sicherheit der drei stillgelegten Reaktoren und um Block 4 mit seinem Sicherheitsdach, der ständiger Aufsicht bedarf. Das größte ukrainische AKW Saporischschja ist in russischer Hand, in Kiew und Charkiv wurden Entsorgungsanlagen für radioaktives Material von Raketen getroffen, das alles lässt die Sorgen weiter wachsen, denn die Atomkraft ist sehr verletzbar und gefährlich, erst recht in einem Krieg, der in direkter Nähe tobt. Gefährlich für die örtliche Bevölkerung, aber auch für uns.




kommt aus den Kulturwissenschaften, wurde frühzeitig in seinem Studium mit Computern konfrontiert – als Arbeitsmittel und Verdienstmöglichkeit. Er kümmert sich im Newsroom von heise online um die Nachrichten aus der IT-Welt.

Ausgerechnet also in einer Zeit, in der die Bedrohungslage wächst und deshalb der Bundeswehr-Etat massiv aufgestockt werden soll, muss anscheinend in aller Not auf die gerade in solchen Situationen anfällige Atomkraft gesetzt werden. Zudem: Ein Endlager für die Atomabfälle ist in weiter Ferne, das Thema wird ebenso wie das Klima kommende Generationen beschäftigen.

Jetzt ist es spätestens an der Zeit, die Querelen um Stromtrassen, Genehmigungen für Windkraftanlagen und was noch alles Partikularinteressen rund um Erneuerbare Energien tangiert, zumindest schnell zu überdenken, anstatt sich erst einmal aufs Atom zu verlassen.


(anw)

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