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Wie Japans Trucker ihre Tuning-Tradition mit NFTs retten wollen

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Ist es schon Kunst oder nur Kitsch? Auf einem entlegenen Parkplatz 70 Kilometer nördlich von Tokio ist es schwer zu sagen. Rund 500 Brummifahrer aus ganz Japan sind an diesem Dezember-Sonnabend in die Präfektur Ibaraki gefahren, um ihre liebevoll getunten Trucks zu zeigen.

Deko Tora – dekorierte Trucks werden die bunten Laster genannt, die vor 50 Jahren aufkamen – und nun in die Welt der Kryptowährungen eindringen. Hideo Nohira ist einer der Künstler. Eigenhändig hat er den Innenraum mit Kronleuchter und Plüsch versehen, die Karosserie seines Arbeitsgeräts mit japanischen Rotkopfreihern und Schildkröten bemalt, mit Chrom beschlagen und mit Glitter besprenkelt. „Sie sind starke Tiere“, erzählt er, „sie sind ein gutes Omen“.

Die leidenschaftliche Personalisierung des Arbeitsgeräts kommt die Deko-Tora-Fahrer teuer zu stehen. Allein in Nohiras Laster stecken zehn Jahre Arbeit und und 80.000 Euro fürs Material. Und sein Laster ist noch schlicht. „Einige Arbeiten hier kosten über 30 Millionen Yen (220.000 Euro)“, sagt der Auslieferungsfahrer und zeigt auf die anderen Kitschwerke, die Stoßstange an Stoßstange parken.

Viele sind mit glitzernden Plättchen behängt und hunderten oder tausenden kleinen Lampen ausgestattet. Fast alle sind bemalt, einige mit Manga- und Animefiguren, andere mit Drachen oder Bildern japanischer Mythen. Viele Vorbauten, die mit scharfen Kanten 60 Zentimeter über die eigentliche Stoßstange ragen, wären in Deutschland niemals erlaubt.

Der Bombast hat der Brummi-Bewegung allerdings ein Problem eingebracht. Was vor 30 bis 40 Jahrzehnten noch ein Megatrend war, wird zur Randerscheinung. Denn neben strengeren Bestimmungen und dem Wachstum großer Transportunternehmen gibt es immer weniger unabhängige Trucker, die sich das teure Hobby leisten können. Die größte Deko-Tora-Vereinigung Utamarokai will dieses Schicksal nun mit einer technologischen Neuerung aus der Kryptowelt ändern: Sie versucht, drei Videos von den prachtvollsten Lastern mit einem NFT als digitale Kunst zu verkaufen.

NFT steht für Non-fungible Token, den neuesten Boom in der Kryptoszene. Dabei handelt es sich um kryptografisch eindeutige sowie unteilbare und überprüfbaren Vertreter digitaler Werke, die meist wie Kryptowährungen Blockchain-Technik nutzen. Anders als virtuelles Geld sind die NFTs allerdings nicht teilbar. Die Idee ist, sie einem Wert zuzuordnen, der dann transparent nachvollziehbar im Internet gehandelt werden kann.

Die Brummifahrer hatten sich alles bereits so schön ausgemalt. Sie haben auf OpenSea, einem der größeren NFT-Marktplätze, ihr Angebot ausgestellt. Das Einstiegsgebot auf der Landeseite für die NFTs preisten sie dann mit einem Ether, der derzeit um 2.000 Dollar gehandelt wird.

Dafür erhält der Käufer oder die Käuferin dann das Video, Deko-Tora-Merchandise und im Falle des Ersterwerbers das Recht, mal seinen oder ihren Traumtruck zu fahren. Die Einnahmen gehen in die Kasse des Vereins und an Kinder, die in Japan Opfer von Erdbeben oder Taifunen geworden sind.

Nur zieht das Angebot nicht so wie geplant die Massen an. Wer auf der Werbeseite den Kaufknopf drückt, wird zur Handelsseite auf OpenSea weitergeleitet. Dort haben die Anbieter allerdings den Preis bereits um die Hälfte gesenkt, wohl weil bisher niemand die Deko-Tora-Show kaufen wollte.




Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

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Vielleicht ist die Kitschkunst gesellschaftlich zu verrufen. Die Bewegung geht dabei auf das nicht jugendfreie japanische Roadmovie „Truck-Yaro“ (Brummifahrer) zurück, das sich Anfang der 1970er Jahre zu einer zehnteiligen Kultfilmserie entwickelte. Das Filmstudio wollte damit ein weiteres, sozial etwas akzeptableres Standbein zu seinen Yakuza-Filmen aufbauen.

Als Vorlage diente die US-Serie TV-Serie „Route 66“. Doch in Japan wählten die Macher eine lokale Mode unter nordjapanischen Lastwagenfahrern, ihre Fahrzeuge zu schmücken – und garantiert nicht jugendfreie Ideen. Der harte Arbeitsalltag von zwei Lastwagenfahrern wurde dann mit offenen Sexszenen, vulgärer Sprache, slapstickartigen Prügeleinlagen, Verfolgungsjagden mit der Polizei und einer grossen Prise Herz und Humor zum Lebensstil überhöht.



Vielleicht ist aber auch der Aufwand für den Kauf zu groß, besonders für die oft wenig an Krypto-Dingen interessierten Fans des schrägen Lebensgefühls. Wer nicht schon mit virtuellen Währungen handelt, muss zuerst ein Konto bei einer Kryptobörse eröffnen, erklärt eine Initiatorin in einem Blog. Dabei muss darauf geachtet werden, eine Wallet einzurichten, die auch die Kryptowährungen Ethereum handeln kann.

In die wird dann die erworbene virtuelle Münze überwiesen. Dann endlich geht es zu OpenSea. „Schritt 5: Kaufe Deine NFT-Kunst!“, lockt der Eintrag. Vielleicht ergeht es der Truckerkunst jedoch wie alten Meistern vom Schlage Vincent Van Goghs, deren Werke erst nach ihrem Tod berühmt wurden. Beim Schreiben des Artikels waren die NFTs noch zu haben.


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(jle)

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