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„Wir müssen Entscheidungsträger in eine Zeitmaschine setzen“

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© Getty Images/Laurence Dutton/istockphoto.com

75 Millionen Europäer*innen verfügen über keinerlei digitale Kompetenzen. Und das, obwohl über 90 Prozent aller Arbeitsplätze in der EU grundlegende digitale Fähigkeiten voraussetzen. So lautet das alarmierende Fazit einer Analyse des Europäischen Rechnungshofs des Jahres 2019, deren Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden.

Österreich schneidet in der Analyse noch überdurchschnittlich gut ab. Hierzulande liegt das Defizit „nur“ bei etwa 24 Prozent. Zu den besten Ländern zählen Finnland und die Niederlande, die Schlusslichter bilden Rumänien und Bulgarien. Dort bleiben rund 2/3 der arbeitsfähigen Erwachsenen hinter den Erwartungen zurück.

Die EU macht das Defizit nun nur Chefsache. Die Kommission will „den Anteil der Bürgerinnen und Bürger mit grundlegenden digitalen Kompetenzen erhöhen, und zwar von 56 Prozent im Jahr 2019 auf 70 Prozent im Jahr 2025″, heißt es. Wie genau die EU dies schaffen kann, weiß Manuela Prina, leitende politische Beraterin der Europäischen Stiftung für Berufsbildung. Die futurezone hat mit Prina gesprochen.

futurezone: Wie muss sich der europäische Arbeitsmarkt verändern, um für den gegenwärtigen digitalen Wandel gerüstet zu sein? Sind wir auf dem richtigen Weg?

Manuela Prina: Wir wissen, was getan werden muss. Das Problem im Moment ist, dass die Veränderungen nicht systemisch sind. Während der Pandemie gab es einen großen Sprung im Bildungs- und Ausbildungssystem, viel findet nun online statt. Das ist aber nicht genug, um digitale Fähigkeiten zu forcieren. Das Erlernen solcher Fähigkeiten ist in den meisten Lehrplänen noch nicht integriert. Es bleibt also noch viel zu tun.

Was ist mit „digitalen Fähigkeiten“ gemeint? Müssen wir alle lernen, wie man programmiert?

Nein. Digitale Kompetenzen sind umfassender als die Fähigkeit zu programmieren, die zweifellos sehr wichtig ist. Damit ist alles gemeint, was mit der digitalen Dimension des Handelns zu tun hat: Die Fähigkeit, sich mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen, sie zu verstehen, sich selbst vor ihr zu schützen sowie zu erkennen, was im Internet gefälscht und was wahr ist. 

Sind Frauen offener für digitale Fertigkeiten oder gibt es immer noch diese geschlechtsspezifische Voreingenommenheit, dass sie weniger ICT-Fähigkeiten besitzen?

Aus den Daten, insbesondere aus den PISA-Tests, wissen wir, dass es keinen wirklichen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen in ihren Leistungen in MINT-Fächern gibt. Tatsächlich sind Mädchen oft die Leistungsstärksten. Aber da gibt es ein Paradox: Trotz der Tatsache, dass die besten Leistungen in Mathematik, Naturwissenschaften, etc. von Mädchen erbracht werden, nehmen sie nicht an einer weiterführenden Ausbildung im MINT-Sektor teil. Es ist also offensichtlich, dass es immer noch eine große kulturelle Voreingenommenheit gibt, der wir politisch begegnen müssen.

Wie kann diese Voreingenommenheit beseitigt werden?

Wir müssen mit den Familien und Eltern zusammenarbeiten, aber natürlich auch die Mädchen ermutigen. Ein Teil der Lösung liegt in der Integration digitaler Skills in Lehrpläne. Auch wenn Mädchen vielleicht eher etwas bevorzugen, das nichts mit MINT zu tun hat, weil sie sich nicht so sehr zu diesem Bereich hingezogen fühlen, geht es darum, digitale Fähigkeiten in allen Fächern zu fördern. Viele Länder tun dies bereits, vor allem auf der Hochschulebene. Natürlich wird diesem Thema heute viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als früher. Mädchen haben auch mehr Vorbilder, die ihnen zeigen, dass der Tech-Sektor keine reine Männerdomäne ist.

Wie viel Potenzial sehen Sie in Programmen, die sich an Menschen, insbesondere Frauen, richten, die sich bereits am Arbeitsmarkt befinden und keine digitalen Fähigkeiten haben? Sollten wir sie fördern und wenn ja wie?

Auf jeden Fall. Digitale Kompetenzen sind nicht nur etwas, das Kinder oder Jugendliche betrifft. Vor allem bei Menschen, die sich in der Mitte oder am Ende ihrer beruflichen Laufbahn befinden, ist es wichtig, diese neuen Fähigkeiten und Kompetenzen an sie heranzutragen. Natürlich gibt es viele Ängste und Frustrationen, weil die digitale Welt nicht immer leicht zu verstehen ist. Ich empfehle daher immer, einen umgekehrten Mentoring-Ansatz zu verfolgen: Anfänger*innen sollten sich an Menschen orientieren, die mehr Selbstvertrauen im Umgang mit Computern, Handys, etc. haben, damit sie dieses Vertrauen zu Geräten durch Teamarbeit aufbauen können. 

Wie können wir politischen Entscheidungsträger*innen Gehör verschaffen, die in der Regel selbst über keine digitalen Fähigkeiten verfügen? 

Wir müssen Entscheidungsträger*innen in eine Zeitmaschine setzen. Menschen, die durch ihr Leben gegangen sind, ohne jemals digitale Geräte benutzen zu müssen, können deren Bedeutung schwer nachvollziehen. Es ist für jeden von uns sehr schwierig, Dinge zu verstehen, die nicht Teil unserer eigenen Erfahrung sind. Daher frage ich Entscheidungsträger*innen oft: „Wären Sie heute noch in der Lage, ohne jegliches IT-Wissen einen gut bezahlten Job zu erlangen?“ Das öffnet vielen die Augen.

„Wir müssen Entscheidungsträger in eine Zeitmaschine setzen. Menschen, die durch ihr Leben gegangen sind, ohne jemals digitale Geräte benutzen zu müssen, können deren Bedeutung schwer nachvollziehen.“


Manuela Prina

Gilt das auch für Eltern?

Ja. Auch Eltern verstehen oft nicht, dass ihre Kinder digitale Fähigkeiten entwickeln müssen. Sie müssen darauf vertrauen, dass das Bildungssystem diesen Part übernimmt. Aber das bedeutet natürlich mehr Arbeit für die Lehrer*innen. Damit ist ein weiteres großes Kapitel aufgeschlagen, das Fragen aufwirft: Was ist die Arbeit eines Lehrers heutzutage? Was ist die Arbeit eines Ausbilders heutzutage? Auch sie benötigen schließlich mehr digitale Kompetenzen, die sie der jüngeren Generation vermitteln können.

Denken Sie, dass die EU und die ETF genug tun, um die Digitalisierung in Europa zu meistern?

Ich denke, dass die New Skills Agenda, die zu Beginn der neuen Kommissionperiode formuliert wurde, in die richtige Richtung geht. In der bisherigen europäischen Politik haben wir die Kompetenzen immer nur als ein nebensächliches Kapitel betrachtet. Wenn man sich den Green Deal, die Industriepolitik, die Bereiche Innovation, Gesundheit, Migration und Soziales anschaut, dann gibt es dort immer eine Qualifikationsdimension. Und das gibt der ganzen Debatte einen völlig neuen Anstoß. Wir sind auf dem richtigen Weg.



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